Nicht lange ist es her, da hatte ich ein recht vertrauensvolles Verhältnis zu Spiele-Reviews. Sicher lag auch früher schon das enge Verhältnis zwischen Spieleseiten und Publishern und vor allem auch die Abhängigkeit der Spieletester von den als Werbekunden auftretenden Spieleverlagen nicht gerade im Verborgenen. Trotzdem war die von den Reviews mit ihren nummerischen Wertungssystemen vorgegaukelte Objektivität verlockend genug, um über diesen eklatanten Schönheitsfehler lange Zeit wohlwollend hinweg zu sehen. Natürlich war ein Vergleich von Spielen anhand dieser wohl doch eher willkürlich ermittelten Zahlen der Art Spiel A hat 8.9 Punkte und Spiel B 9.0 Punkte also ist
B > A zu keinem Zeitpunkt wirklich sinnvoll. Doch zumindest als Hilfsmittel bei der Kaufentscheidung und zur groben Einordnung der Spiele untereinander schienen sie mir lange Zeit geeignet.
Die Skandale und Ungereimtheiten, die dieses Jahr schon zu Tage getreten sind haben mich dann aber doch wachgerüttelt und gegenüber Spielereviews mittlerweile mehr als vorsichtig gemacht. Zuerst war da im Januar die
"Affäre Gerstmann". Damals machten das bis heute nicht bestätigte aber Gerücht die Runde, dass der Spielekritiker
Jeff Gerstann Gamespot nach 12 Jahren im November 2007 wegen seiner schlechten Bewertung des Spiels
Kane & Lynch: Dead Men verlassen musste. Gerstmann hatte das Spiel mit
6 von 10 Punkten bewertet, woraufhin der Publisher EIDOS angeblich mit der Stornierung von Werbeaufträgen gedroht hat. Dies wiederum soll der Grund für das Ausscheiden Gerstmanns aus dem Unternehmen gewesen sein. In den folgenden Monaten haben noch weitere langjährige Mitarbeiter bei Gamespot ihren Hut genommen. Auch wenn das dieser Fall bis heute recht dubios bleibt, so hat Gamespot dadurchwohl nicht nur bei mir einiges an Vertrauen eingebüßt.
Und kaum war diese Sache ausgestanden, da war der Hype um
GTA IV auch schon auf seinem Höhepunkt angelangt und die einschlägigen Seiten und Magazine machten mit mehr oder weniger exklusiven Testberichten und auffällig häufig vergebenen perfekten Wertungen auf sich aufmerksam. Schon damals konnte ich mir diese Traumwertungen nur schwer erklären. Noch schwerer viel mir eine Erklärung, als ich das Spiel dann
selbst durchgespielt hatte.
GTA IV ist ein durchaus gelungenes Spiel, aber eine perfekte Wertung hat es trotz seiner nicht ganz uninteressanten Neuerungen schon alleine wegen der vielen Kompromisse gegenüber dem Vorgänger (nur eine Stadt, RPG-Elemente entfernt usw.) definitiv nicht verdient. Entweder die verantwortlichen Spieletester haben einen anderen Geschmack und ganz andere Erwartungen als ich oder die Testversion hatte deutlich mehr zu bieten als die aus dem Laden.
Neulich hörte man auch noch, dass Konami den Testern von
Metal Gear Solid 4 sogar schon Auflagen bezüglich bestimmter Punkte macht, die sie in ihren Testberichten auf keinen Fall erwähnen dürfen. Dazu gehört unter anderem die Länge der Filmsequenzen, die sich gerüchteweise auf bis zu
90 Minuten belaufen soll. Wenn einem das schon
(vollkommen zurecht) peinlich ist und man befürchtet dadurch potenzielle Käufer abzuschrecken, sollte man sich vielleicht fragen, ob man sich das nicht vor dem Release des Spiels hätte überlegen können. Ich jedenfalls bin mittlerweile froh, dass ich der Versuchung nicht nachgegeben habe, als ich das Spiel Regal gesehen habe. Wenn ich einen abendfüllenden Spielfilm anschaue möchte ich das vorher wissen. Nichts dürfte nerviger sein als unter der Woche irgendwann nach 0 Uhr in eine solche Monstersequenz zu tappen ohne zu wissen, auf was man sich überhaupt einlässt.
Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, meint Atari auch noch sich gegen nicht objektiv geschriebene Kritiken (?!?)
juristisch zur Wehr setzen zu müssen. Das regt natürlich zu Spekulationen an, was bei Spieletests vermutlich so alles im Hintergrund abläuft, wenn die Situation gerade, anders als in diesem Fall, nicht eskaliert.
Zurück aber zur eigentlich Frage des Artikels. Ob Reviews in letzter Zeit an Wert verloren haben lässt sich wohl kaum beurteilen. Vermutlich waren sie aber noch nie so unabhängig, wie man das als Spieler gerne hätte. Nur war es früher wohl nicht ganz so offensichtlich was da so alles im Hintergrund läuft und man konnte es dadurch leichter verdrängen. Es ist ja auch sehr verlockend, ein Spiel auf Basis einer einzigen, als objektiv empfundenen Meinung zu beurteilen. Auch wenn Reviews nun erst Recht sehr kritisch zu beurteilen sind, so kann man trotzdem nicht ganz auf sie verzichten. Es sei denn natürlich, es ist einem weder um die verschwendete Zeit noch um das verlorene Geld schade, wenn man mal einen Fehlkauf landet. Bleibt also als Lösung des Dilemmas nur verschiedene Reviews lesen, Fazit und Punkte möglichst ignorieren und das Spiel eher nach dem zwischen den Zeilen Gelesenen zu beurteilen.